Geburtshilfe muss weiter gestärkt werden

Fast die Hälfte der im Kreißsaal tätigen Hebammen betreut häufig bis zu drei Frauen oder mehr parallel.

Mit mehr als 7.000 Geburten im Jahr 2019 ist Bremen Spitzenreiter im Bundesländervergleich. Doch die Arbeitsbedingungen für fest angestellte Hebammen im Krankenhaus sind prekär: Es gibt zu wenig Personal und auch eine 1:1-Betreuung der Frauen während der Geburt ist kaum möglich.

Text: Insa Lohmann
Foto: Kay Michalak

Anlässlich des „Internationalen Jahres der Pflegenden und Hebammen“ hat sich die Arbeitnehmerkammer Bremen mit dem Verdi-Landesverband, dem Bremer Pflegerat sowie dem Hebammenlandesverband zusammengeschlossen, um mit verschiedenen Aktionen auf die Situation der Hebammen aufmerksam zu machen. Dabei ist auch ein Video entstanden, in dem Hebammen und Pflegekräfte aus Bremen sich und ihre Arbeit vorstellen. In dem Beitrag erzählen sie nicht nur, was sie bei ihrer Arbeit motiviert und was eine gute Unterstützung der Schwangeren und Gebärenden auszeichnet, sondern auch, was sie sich wünschen, um besser arbeiten zu können.

778.100 Babys wurden 2019 in Deutschland geboren, alleine 7.149 im Land Bremen – damit bekommen Frauen im kleinsten Bundesland die meisten Kinder. Doch können die Rahmenbedingungen mit der hohen Geburtenzahl mithalten? Gesundheitsreferentin Carola Bury von der Arbeitnehmerkammer Bremen ist skeptisch: „Die Arbeits- und Geburtsbedingungen müssen sich dringend verbessern.“ Anlässlich des „Internationalen Jahres der Pflegenden und Hebammen“ hat sich die Arbeitnehmerkammer Bremen mit dem Verdi-Landesverband, dem Pflegerat sowie dem Hebammenlandesverband zusammengeschlossen, um mit verschiedenen Aktionen auf die Situation der Hebammen aufmerksam zu machen.

Ein großes Manko sieht Expertin Carola Bury in der Personalbemessung: „Die Arbeitsbedingungen in den Kliniken sind schlecht.“ Nicht verlässliche Dienstpläne und das sogenannte „Holen aus dem Frei“ seien für festangestellte Hebammen an der Tagesordnung. Fast die Hälfte der im Kreißsaal tätigen Hebammen betreue häufig bis zu drei Frauen oder mehr parallel. Viele arbeiten daher in Teilzeit und zusätzlich freiberuflich in der Vor- und Nachsorge.

In Bremen gibt es mit dem DIAKO, dem St. Joseph-Stift, dem Klinikum Bremen-Nord, dem Klinikum Links der Weser sowie dem Klinikum Bremerhaven fünf Geburtskliniken, in denen rund 120 festangestellte Hebammen sowie 24 freiberufliche Beleghebammen (Stand 2015) arbeiten. Susanne Gehlen ist eine von ihnen. Seit etwa vier Jahren arbeitet sie am Klinikum Links der Weser. 75 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringt die Hebamme im Schicht-System im Krankenhaus, den Rest der Zeit ist sie freiberuflich tätig. „Es ist ein sehr schöner Beruf.“ Kein Tag sei wie der andere, sagt sie. „Man weiß nie, was in den nächsten drei Minuten passiert, das muss man mögen.“

Susanne Gehlen teilt sich die Schicht im Krankenhaus in der Regel mit drei weiteren Kolleginnen. „Das ist viel“, sagt die Hebamme. „Aber die Arbeit in der Klinik ist insgesamt unglaublich anstrengend.“ Zu der ohnehin hohen Belastung des Berufs komme die zu geringe Bezahlung und der Personalmangel. Auf ihrer Station im Klinikum Links der Weser sei man sehr bemüht, die Wünsche der Mitarbeiterinnen bei der Dienstplanung zu berücksichtigen. „Aber oft muss man relativ spontan einspringen“, sagt sie. Hier sieht Susanne Gehlen einen entscheidenden Faktor, an dem dringend etwas geändert werden müsse – sie ist überzeugt: Mit verlässlicheren Arbeitszeiten und einer höheren Anerkennung würden sich mehr Frauen für den Beruf entscheiden.

In Deutschland arbeiten aktuell zwischen 22.000 und 24.000 Frauen und Männer als Hebammen. „Es gibt einen absoluten Fachkräftemangel in dem Bereich“, sagt die Bremer Gewerkschaftssekretärin Kerstin Bringmann von Verdi. Um den Beruf attraktiver zu machen und an die europäischen Vorgaben anzupassen, wurde die Hebammenausbildung zuletzt an die Hochschulen überführt. Auch an der Hochschule Bremen gibt es seit vergangenem Jahr einen Hebammenstudiengang. Für Kerstin Bringmann ein längst überfälliger Schritt, der allerdings das grundlegende Problem nicht löst: „Der Beruf ist total anstrengend.“ Aufgrund der belastenden Arbeitsbedingungen in den Kliniken würden viele Hebammen in die Vor- und Nachsorge wechseln, die dann in den Krankenhäusern fehlen. Aktuell könne der Geburtenanstieg in Bremen personell nicht aufgefangen werden.

Um den Beruf nicht nur für angehende Hebammen attraktiver zu machen, sondern um auch erfahrende Hebammen wieder in die Kliniken zurück zu holen, muss sich aus Sicht von Kerstin Bringmann einiges tun: Die Verdi-Vertreterin wünscht sich neben verlässlicheren Arbeitszeitmodellen auch eine höhere Anerkennung des Berufsbildes, mehr Aufstiegsmöglichkeiten für angestellte Hebammen sowie eine bessere Entlohnung. Kritik übt sie dabei an den Fallpauschalen: „Mit Geburten lässt sich kein Geld verdienen, das spiegelt sich auch bei den Gehältern der angestellten Hebammen wider“, so Bringmann. Hier sieht die Expertin vor allem die Kliniken in der Verantwortung. Auch Carola Bury, Gesundheitsreferentin der Arbeitnehmerkammer Bremen, sieht hier eine wichtige Stellschraube: „Damit sich die Qualität in der Geburtshilfe verbessert, müssen die Arbeitsbedingungen besser werden“, sagt sie. „Dafür müssten auch die Fallpauschalen angepasst werden. Nur so ist sichergestellt, dass in der Schwangerschaft und im Kreißsaal jede Frau die Betreuung erhält, die sie benötigt und wünscht.“

Um die Geburtshilfe für Frauen in Bremen zu verbessern, haben Hebammen, Frauenärzte, Kliniken, Kinderärzte, Berufsverbände und Krankenkassen bereits 2012 das „Bündnis zur Unterstützung der natürlichen Geburt“ ins Leben gerufen. Eine zentrale Forderung darin ist die 1:1-Betreuung der Frauen während der Geburt. „Das wird unsere Arbeit langfristig verändern“, ist Heike Schiffling, Vorsitzende des Hebammenlandesverbands in Bremen, überzeugt. Denn aktuell sind die Leidtragenden in Bremen nicht nur die Hebammen, sondern auch die Schwangeren. Wer für die Vor- und Nachsorge eine Hebamme suche, müsse schon sehr früh dran sein, berichtet Heike Schiffling. „Schwangere Frauen müssen sich so rechtzeitig wie möglich um eine Hebamme zu kümmern, damit sie nicht leer ausgehen.“ Denn im Gegensatz zur eigentlichen Geburt wird die Vor- und Nachsorge der Mütter von freiberuflichen Hebammen übernommen. Die Onlineplattform www.hebammensuche-bremen.de soll diese Suche erleichtern, dort werden alle verfügbaren Hebammen angezeigt. „Die zielgerichtete Suche erspart den Frauen viel Frust bei der Suche“, so die Hebammen-Landesvorsitzende.

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