Mit Gesetzen zu mehr Gleichstellung

Er bringt das Kind in die Kita, während sie sich auf den Weg zur Arbeit macht. Am nächsten Tag tauschen die beiden ganz selbstverständlich die Rollen.

Er bringt das Kind in die Kita, während sie sich auf den Weg zur Arbeit macht. Am nächsten Tag tauschen die beiden ganz selbstverständlich die Rollen. Eine Vision aus der Zukunft? Oder sind wir nah dran an der geschlechtergerechten Verteilung von Familienzeit und Berufsleben?

Text: Suse Lübker
Fotos: Jonas Ginter

Ein Vater ist sich sicher, dass es bei gleichem Einkommen auch für Männer möglich wäre, beruflich einen Gang zurückzuschalten. Eine berufstätige Mutter schreibt, es müsse ein Wunder geschehen, damit Arbeit in der Familie gesellschaftlich besser anerkannt wird. Die Umfrage der Arbeitnehmerkammer aus dem Herbst 2020 zeigt deutlich, wie unterschiedlich die aktuelle Situation wahrgenommen wird. Brauchen wir tatsächlich ein Wunder oder sind wir auf einem guten Weg zu einer gerechten Verteilung von Lohn- und Carearbeit?

Tatsächlich hat sich einiges getan in Sachen Gleichstellung. Seit 2007 gibt es das Elterngeld, seitdem haben Mütter oder Väter zwölf Monate lang Anspruch auf 65 Prozent ihres letzten Einkommens. Bleibt der zweite Elternteil mindestens zwei Monate zuhause, zahlt der Staat weitere zwei Monate.

Immer mehr Väter in Elternzeit

Diese Regelung wirkt sich auf das Rollenverständnis der Väter aus: Im Jahre 2006 haben gerade mal drei Prozent der Väter Elternzeit genommen. Inzwischen nehmen rund 40 Prozent der Väter in Deutschland eine Auszeit vom Berufsleben, um sich ganztags um Kinder und Haushalt zu kümmern.

Hier zeigen sich die Grenzen des Gesetzes: Während Mütter im Durchschnitt ein Jahr in Elternzeit gehen, bleiben 46 Prozent der Väter circa zwei Monate lang zuhause. Sie nehmen die so genannten Partnermonate, durch die sich das Elterngeld um zwei Monate verlängert. Das widerspreche der Grundidee der Elternzeit, findet Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik und Gleichstellung in der Arbeitnehmerkammer: „Studien zeigen, dass Väter, die über einen längeren Zeitraum nach der Geburt des Kindes alleine für Betreuungsaufgaben zuständig sind, auch später mehr Carearbeit übernehmen. Sie überlassen nicht den Großteil der Familienaufgaben ihrer Partnerin“. Salot plädiert dafür, dass die Partnermonate von derzeit zwei auf mindestens vier – besser noch acht – Monate ausgeweitet werden und beide Elternteile möglichst nacheinander in Elternzeit gehen.

Lohn- und Carearbeit partnerschaftlich aufteilen

Optimalerweise arbeiten beide Elternteile im Anschluss an die Elternzeit in Teilzeit weiter und erhöhen schrittweise ihre Arbeitszeit. Das setzt allerdings voraus, dass die Familie einen sicheren Betreuungsplatz für ihr Kind hat und dass Betriebe mehr flexible, familiengerechte Arbeitszeitmodelle anbieten. Beide Partner hätten gute Chancen, sich in ihren Berufen weiterzuentwickeln und könnten die Carearbeit flexibel auf beide Schultern verteilen.

Eine Vision – so scheint es. Denn noch immer hängt ein großer Teil der Frauen finanziell von ihrem Partner ab. Gleichzeitig möchten viele Väter mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und würden dafür gern ihre Arbeitszeit reduzieren. Aus Studien wissen wir, dass sich diese Väter mehr im Haushalt engagieren und zwar auch dann, wenn die Elternzeit vorbei ist.

Was hindert die Väter daran, weniger zu arbeiten? In vielen Familien werden die Entscheidungen nach ökonomischen Gesichtspunkten gefällt. „Wer weniger verdient, bleibt eher zuhause und betreut die Kinder. Meist sind das nach wie vor die Frauen“, erklärt Salot. „Außerdem haben viele Männer Angst, dass sie berufliche Nachteile durch die Elternzeit haben“, so Salot. „Zusätzlich befürchten sie, dass die Einkommenseinbußen zu hoch sind, wenn sie nicht arbeiten.“

„Das Elterngeld ist zwar eine gute Neuerung, aber eben kein sozial gerecht wirkendes Instrument.“
Doris Achelwilm

Und die Kinderbetreuung? Seit 2013 hat jedes Kind ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Doch es gibt längst nicht ausreichend Betreuungsplätze. Allein in Bremen finden aktuell nur 30 Prozent der Kinder zwischen einem und drei Jahren einen Krippen- oder Kitaplatz – das zeigen die Zahlen des Statistischen Landesamtes Bremen. Es fehlen vor allem Ganztagsplätze und flexible Betreuungsmodelle, die es beiden Partnern gleichzeitig ermöglichen, berufstägig zu sein. Auch hier muss noch einiges passieren, damit Mütter den Rücken frei haben, um sich beruflich weiterzuentwickeln.

Reichen unsere Gesetze also aus? Oder muss an weiteren Stellschrauben gedreht werden, damit Mütter und Väter ihren beruflichen und ihren Familienalltag partnerschaftlicher gestalten können?

Mehr Elterngeld für Wenigverdienende

Doris Achelwilm erklärt in dem aktuellen Podcast der Arbeitnehmerkammer, dass die gesetzlichen Instrumente zwar eine sinnvolle Neuerung gewesen seien, aber keines den großen Durchbruch in Sachen Gleichstellung bewirkt habe. Achelwilm ist für die Fraktion DIE LINKE im Bundestag und Sprecherin für Gleichstellungs- Queer- und Medienpolitik. Das Elterngeld sei zwar eine gute Neuerung, aber eben kein sozial gerecht wirkendes Instrument. So wurde das Mindestelterngeld seit der Einführung nicht mehr erhöht, obwohl die Kosten ständig steigen. Außerdem werde das Elterngeld seit 2011 auf den Hartz 4-Satz angerechnet – und steht den betroffenen Familien seitdem nicht mehr zur Verfügung.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Ja, wir sind auf einem guten Weg zur einer gerechteren Verteilung von Lohn- und Carearbeit und zu einem besseren Verständnis von Gleichstellung. Aber: es gibt noch viel zu tun. Wir brauchen keine Wunder, sondern konkrete Anreize und praxisgerechte Regelungen für alle Frauen und Männer – egal, ob alleinerziehend oder in Partnerschaft lebend. Dann stehen die Chancen gut, dass es normal ist, wenn Männer ihre Arbeitszeit reduzieren und sich um Haushalt und Kinder kümmern. Und dass Frauen mehr als 20 Stunden pro Woche arbeiten, ohne sich um die Betreuung ihrer Kinder sorgen zu müssen.

Podcast-Tipp AKB003_IconInfo

Rolle Rückwärts
Folge 6:  Mit Gesetzen den gesellschaftlichen Wandel anstoßen - Was geht und was geht nicht?

Durch die Einführung des Elterngeldes und des Rechtsanspruchs auf Kinderbetreuungsplätze sollten Anreize gesetzt werden, damit die Sorgearbeit gerechter zwischen Müttern und Vätern aufgeteilt wird und Frauen früher in den Beruf zurück gehen. Aber hat dies auch zu mehr Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt beigetragen? Wir diskutieren mit Doris Achelwilm (DIE LINKE), Bremer Bundestagsabgeordnete und ordentliches Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. www.arbeitnehmerkammer.de/rollerueckwaerts

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