„Es besteht eine große Lücke“

Noch immer erhalten Frauen zwischen 30 und 50 Prozent weniger Renteneinkommen als Männer.

Noch immer erhalten Frauen zwischen 30 und 50 Prozent weniger Renteneinkommen als Männer. Doch woran liegt das eigentlich? Und was kann man dagegen tun? Darüber haben wir mit Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik und Gleichstellung, und Magnus Brosig, Referent für Sozialversicherungs- und Steuerpolitik, gesprochen.

Fragen: Insa Lohmann
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Was ist der Gender Pension Gap?

Magnus Brosig: Der Gender Pension Gap (GPG) beschreibt die Lücke zwischen den durchschnittlichen Alterseinkommen von Frauen und Männern.

Wie hoch ist der GPG in Deutschland?

Brosig: Je nach Datengrundlage, Berechnungsmethode und berücksichtigten Einkommensquellen schwanken die Werte sehr stark. In Westdeutschland liegt er ungefähr bei 50 Prozent, in Ostdeutschland bei etwa 30 Prozent.

Woher kommen diese großen Unterschiede bei Männern und Frauen?

Marion Salot: Egal, ob gesetzliche Rente oder Betriebsrente – das ungleiche Alterseinkommen heute spiegelt vor allem wider, dass die Erwerbschancen und die Bezahlung von Frauen und Männern während ihrer Tätigkeit am Arbeitsmarkt bereits ungleich verteilt waren. Zwar hat die Erwerbstätigkeit der Frauen in den alten Bundesländern zugenommen, aber nach wie vor besteht – auch bei den Einkommen – eine große Lücke zwischen Männern und Frauen. So liegt der Gender Pay Gap in Deutschland derzeit bei 18, in Bremen sogar bei 22 Prozent.

Woran liegt das?

Salot: Männer und Frauen haben oft sehr unterschiedliche Berufsbiografien. Frauen unterbrechen ihre Arbeit im Schnitt familienbedingt häufiger und länger, die Löhne in Berufen mit hohem Frauenanteil sind tendenziell niedriger, sie sind häufiger in nicht-sozialversicherungspflichtigen (Mini-)Jobs beschäftigt und arbeiten im Schnitt weniger Stunden. So arbeiten im Land Bremen mehr als die Hälfte aller Frauen in Teilzeit, aber nur 14 Prozent der Männer. Frauen zahlen dementsprechend weniger in die Rentenkasse ein.

Also wird mit der Rente sozusagen die Quittung der Vergangenheit ausgestellt?

Brosig: Ja, sie überbringt eigentlich nur die – manchmal schlechten – Nachrichten. Rente und GPG spiegeln gesamte Berufsbiografien wider: Wie hoch waren Wochenarbeitszeiten und Stundenlöhne? Wie viele Jahre hat jemand gearbeitet? Kurz- und mittelfristige Phasen können dabei gut ausgeglichen werden, zum Beispiel was zeitweilige Sorgearbeit angeht: Es gibt deutliche Rentenzuschläge für Kindererziehung in den ersten Lebensjahren, bei geringem Verdienst neben der Erziehung im Kindergarten-/Grundschulalter und bei unbezahlter Pflege, etwa von Angehörigen.

Was ist also das Kernproblem?

Brosig: Die langfristige „Abmeldung“, zum Beispiel nach der Geburt eines Kindes, oder eine Rückkehr in dauerhafte Teilzeit lässt sich nicht ausgleichen. Einer aktuellen Bertelsmann-Studie zufolge kostet es Frauen ungefähr 40 (ein Kind) bis 70 Prozent (drei Kinder) ihres Lebenserwerbseinkommens, wenn sie sich für Kinder entscheiden. Diese sogenannte „motherhood lifetime penalty“ ist das eigentliche Problem, das wir nicht in unserem Rentensystem lösen können.

Wäre eine gesetzliche Mindestrente sinnvoll?

Brosig: Damit würde die Politik sehr stark auf den Aspekt der Armutsvermeidung setzen anstatt sich an der Sicherung des jeweiligen Lebensstandards zu orientieren. Das dürfte viele vor den Kopf stoßen, auch beruflich erfolgreiche Frauen, die dann recht hohe Beiträge ohne nennenswerte Unterschiede in der späteren Rente zu zahlen hätten. Wir müssen die Probleme an der Wurzel packen.

Was kann man also tun, damit Frauen bereits während ihres Erwerbslebens besser dastehen?

Salot: Wir müssen die bestehenden Hürden für die Erwerbsbeteiligung von Frauen abbauen und gleichzeitig bessere Anreize schaffen, damit Frauen nicht in die Teilzeit-Falle schliddern. Wichtig sind hierbei unter anderem: Die professionelle Pflege ausbauen, die Mitversicherung in der Gesetzlichen Krankenversicherung überdenken und Minijobs reduzieren. Außerdem müssen wir dringend mehr Lohngerechtigkeit und eine stärkere Tarifbindung schaffen, gerade in Branchen wie der Pflege oder dem Einzelhandel, wo besonders viele Frauen arbeiten. Ein wichtiger Schlüssel ist die Kinderbetreuung – in Bremen gibt es erheblichen Nachholbedarf: Vor allem hinken wir bei der Betreuung der unter 3-Jährigen hinterher. Nur 28,4 Prozent der Kinder in dieser Altersgruppe finden einen Platz. Es fehlt aber auch an Kita-Ganztagsplätzen.

Welche Rolle spielen gesellschaftliche Rollenbilder?

Salot: Insbesondere dann, wenn Kinder ins Spiel kommen, immer noch eine sehr große. Studien belegen, dass die meisten Mütter den Großteil der Sorgearbeit übernehmen, während Väter beruflich erst richtig durchstarten. Diesen Rückstand können Frauen häufig nicht aufholen und landen in der Rolle der Zuverdienerin – mit den entsprechenden Folgen für die Rente. Damit das nicht passiert, müssen wir am Arbeitsmarkt Anreize schaffen. Dazu gehört aber auch eine gleichmäßigere Arbeitsverteilung in Partnerschaften, sodass gerade Mütter nicht dauerhaft aus dem Arbeitsmarkt „herausgekegelt“ werden oder nie richtig den Einstieg schaffen.

Und dann ist alles gut?

Brosig: Natürlich muss auch das Rentensystem stark aufgestellt sein, hier liegt viel im Argen. Ein höheres Rentenniveau und eine Erwerbstätigenversicherung, die auch Beamte und Selbstständige einbezieht, würden die Leistungsfähigkeit und Akzeptanz des Systems insgesamt verbessern.

Mit der Grundrente gab es zuletzt einen großen Fortschritt. Warum reicht das nicht?

Salot: Die sogenannte Grundrente ist ein längst überfälliger Rentenzuschlag für Menschen, die viele Jahre zu einem niedrigen Lohn gearbeitet haben. Aber auch für Frauen muss die finanzielle Unabhängigkeit das wesentliche Ziel sein: Möglichst dauerhaft eine existenzsichernde, gut bezahlte Arbeit, die für eine auskömmliche, ihre Lebensleistung anerkennende und stabile gesetzliche Rente sorgt, gerne ergänzt durch eine betriebliche oder private Zusatzvorsorge.

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    Heutzutage reicht es längst nicht (mehr) aus, sich auf seinen Partner zu verlassen, um finanziell unabhängig und im Alter ausreichend abgesichert zu sein. Finanzexpertin Annabel Oelmann von der Verbraucherzentrale Bremen gibt praktische Tipps.
     
  • Folge 8: Frauen in der Rentenfalle
    Noch immer erhalten Frauen zwischen 30 und 50 Prozent weniger Renteneinkommen als Männer. Woran liegt das? Und was können wir dagegen tun? Mit Magnus Brosig (Referent für Sozialversicherungs- und Steuerpolitik bei der Arbeitnehmerkammer).

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